Angst vor Nähe / Beziehungsangst

Viele Menschen haben Angst vor Nähe. Zugleich ersehnen sie nichts mehr als diese! Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Nähe kann wunderbar, aber auch erschlagend, Angst machend und erstickend sein. Wenn man als Kind nicht lernt, sie zuzulassen oder wenn man sie aus guten Gründen fürchten muss, übernimmt man diese Haltung oft in sein Erwachsenenleben. Nicht immer allerdings ist es einem bewusst. Man umgibt sich mit vielen Freunden, hat ständig neue Sexualpartner, scheint niemals alleine zu sein. Das schließt aber keineswegs aus, dass man innerlich einsam ist. Man lässt sich niemals wirklich auf jemanden ein, es bleibt oft beim Oberflächlichen. Gefühle sind eine schwierige Sache, man hat oft genug gelernt, ihnen besser nicht zu trauen. Häufig muss man dies bereits in der Kindheit erfahren und verschließt sein Innerstes vor jedem Zugriff. Im Kindesalter ist das auch sinnvoll, damit man sich vor weiteren Verletzungen schützt. Übernimmt man diese Haltung aber unbewusst ins Erwachsenenalter, dann fehlt das grundsätzliche Vertrauen, sich dem Anderen ganz zu öffnen. Tat man es, wurde es missbraucht. Diese Erfahrung möchte man nie wieder machen!

Viele Männer und Frauen denken es, nur wenige sprechen es aus: Männer und Frauen sind emotionell nicht kompatibel. Der eigentliche Knackpunkt ist: Sie könnten es aber sein! Angst vor Nähe ist nicht nur Angst vor der Emotionalität des eigenen Partners, der eigenen Mutter oder des anderen Geschlechts, sondern auch Angst vor Gefühlen, die einen überwältigen könnten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es die Emotionen eines anderen sind oder die eigenen, die einem bedrohlich erscheinen. Man fürchtet, ihnen nichts entgegen setzen zu können. Sterbenden oder Krebskranken geht man unbewusst aus dem Weg, weil man ihre Angst und Trauer fürchtet.

Und das Sterben an sich – den gefühlsbeladensten Prozess im Leben überhaupt. Man steht lieber auf der sicheren Seite des Rationalisierens oder der Oberflächlichkeit. „Er hat jetzt Metastasen, aber er ist gut davor!“ hört man von solchen Menschen. Sie fürchten, sich emotionell auf das Geschehen einzulassen, haben Angst vor der Angst. Menschliche Wärme und Authentizität sind langsam Mangelware in unserer Gesellschaft. Wenn wir aber in Familie und Schule nicht mehr lernen, uns zu öffnen und wahrhaft menschlich zu sein – wo sollen wir es dann lernen können? Die Angst und den Mut eines anderen zu teilen, Glück und Schmerz gemeinsam auszuhalten, das ist es doch, was uns verbindet!

Die Angst vor Nähe ist der Grund, warum Beziehungen heutzutage zunehmend beliebiger werden, warum man nicht mehr heiratet und warum immer mehr Männer schon nach kurzer Zeit fremdgehen. Die Sexualisierung der Gesellschaft ermöglicht, dass man bindungslos sein darf, ohne dabei beziehungslos zu bleiben. Nähe wird als zusammen sein definiert, nicht aber als einander nah kommen. Nur die Körper kommen sich nah, die Seelen sind oft genug Lichtjahre voneinander entfernt. So kommt es auch, dass Männer in Abwesenheit ihrer Herzensdamen verächtlich über Frauen reden und umgekehrt.

Der Gentleman stirbt aus, der Frauenversteher wird verächtlich betrachtet. Der Macho hat das Sagen. Viagra wird zunehmend missbraucht, um die Gesellschaft weiter zu sexualisieren. Stattdessen sollten wir lernen, was „in Beziehung zueinander stehen“ eigentlich heißt. Es bedeutet, sich dem anderen vertrauensvoll zu öffnen, mit ihm zu sprechen, seine tiefsten Empfindungen verstehen zu wollen. Und es muss auch gleichermaßen heißen, sich selber in seinen tiefsten Empfindungen preis zu geben, ohne Spott oder Verletzung fürchten zu müssen. Angst vor Nähe ist auch Angst vor Kritik, vor Spott, Zurückweisung und Vertrauensbruch. Nach dem Sex fragt er „War ich gut?“ statt „War es schön für Dich?“. Kann es das sein?!

Zweifellos kann man nicht jedem Partner vertrauen, wie man täglich auf TMZ oder in anderen Gazetten der Yellow Press verfolgen kann. Viele Beziehungen werden aus Kalkül eingegangen, man verspricht sich etwas davon. Andere beginnen wie ein Rausch und verenden alsbald an lächerlichen Gründen. Man hat sich oftmals nichts zu sagen und interessiert sich nicht wirklich für das, was im Gegenüber vorgeht. Der Taumel der ersten Liebe wird weitgehend von romantischen Träumen ihrerseits und sexuellen Phantasien seinerseits bestimmt. Dann entdeckt man, dass der Mann den Beruf wichtiger nimmt als sie – und sie die Kinder wichtiger als ihn. Damit ist bereits das spätere Scheitern der Beziehung vorprogrammiert Die Frage ist nur, wann es passieren wird. Oft bleibt man wegen der Kinder zusammen. Und entfernt sich zunehmend voneinander. Nähe stirbt schneller als man denkt!

Das Gegenteil von Einsamkeit ist Zweisamkeit! In der Zweisamkeit – wenn sie denn richtig verstanden wird! – ist viel Platz für andere und dennoch bleibt immer genügend Rückzugsraum für die Paarbeziehung. Man zerteilt sich nicht zwischen beruflichen und familiären Pflichten und vergisst die Beziehung darüber – sondern diese hat immer oberste Priorität. Man quetscht den (ehelichen) Sex nicht zwischen Bürotag und Schlafengehen, sondern macht ihn zu einem Ereignis, das Raum lässt für Phantasie, Zärtlichkeit und Gespräch. In dieser Atmosphäre ist auch seelische Nähe eher möglich als anderswo – aber viele machen Hochleistungssport daraus und beobachten ihre sexuelle Performance im Spiegel an der Decke. Andere drehen Filmchen statt sich wirklich nah zu sein.

Wenn wir die Nähe des anderen fürchten, fürchten wir in Wahrheit, ungenügend zu sein, durchschaut zu werden, wehrlos und hilflos ausgeliefert zu sein. Solange wir die Kontrolle haben, ist alles in bester Ordnung. Anscheinend ist das aber ein Trugschluss! Wir verpassen nämlich das Allerschönste im Leben: Einem anderen nah sein zu dürfen. Und einem anderen zu erlauben, einem nah zu kommen. Nähe bedeutet unweigerlich den Schmerz des Verlustes, den wir mehr fürchten als viele andere Schmerzarten. Der Verlust eines geliebten Partners, der einem nahe stand, ist eines der erschütternsten Erlebnisse, die man überhaupt haben kann. Viele wollen sich dem nicht aussetzen. Doch oft ist es gerade die erlebte Nähe, die einen über den Tod hinaus mit dem Anderen verbindet – und einen weiterleben lässt. Einmal so geliebt zu haben und zu werden, sich geöffnet zu haben, Vertrauen gegen Vertrauen gesetzt zu haben – das erst ist Liebe. Alles andere ist Liebelei.

In allem Gesagten steckt viel guter Rat – aber ob Sie ihn annehmen, ist eine andere Frage. Angst vor Nähe bedingt auch, dass man Themen wie diese gar nicht an sich heranlässt.

Die 10 häufigsten Fehler die Beziehungen zum Scheitern bringen:

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